Neuraltherapie SANTH

 

Neuraltherapie

Dr. med. Andreas Beck

 

Die Entdeckung der anästhesierenden Wirkung von Kokain fällt in die Zeit zwischen 1884 und 1892. 1906 entwickelte Einhorn das Novocain, also das Procain.

1925 entdeckten die Brüder Huneke die Heilwirkung von intra- und paravenös sowie lokal angewandten Lokalanästhetica. 1928 publizierten sie «Unbekannte Fernwirkung von Lokalanästhetica» und schuten den Begriff «Heilanästhesiep» und «Segmenttherapie». 1940 entdeckten sie - durch Zufall - das so genannte Sekunden-Phänomen.

 

75 Jahre liegen also die Anfänge der Neuraltherapie zurück. 60 Jahre sind seit der Entdeckung des Sekunden-Phänomens verflossen.

Fundament jeder ärztlichen Kunst ist die Klinische Medizin. Die Behandlung ist hier in zunehmendem Masse apparativ. Sie wirkt symptombekämpfend ersetzend oder unterdrückend, oder antiprogrammatisch (Antibiotika, Antiallergika. Die Domäne der biologischen und weitgehend gefahrlosen additiven Verfahren liegt im Bereiche der chronischen - weder lebensbedrohlichen noch aussergewöhnlichen Fälle, welche in ihrer Häufigkeit, Intensität und Chronizität sowohl die Arbeits- und Leistungsfähigkeit als auch den Lebensgenuss der Patienten erheblich beeinträchtigen.

 

In der Neuraltherapie werden mittels ' Injektionen von Lokalanästhetika an den richtigen Ort dem vegetativen System Impulse gegeben, welche über eine Regulierung zur Normalisierung gestörter Funktionen und damit zur Beschwerdefreiheit führen. Der Erfolg desselben Eingriffes sowohl bei Unter- als auch bei Überfunktion macht dies deutlich.

 

Der menschliche Körper ist in der Lage, in seinem Vegetativum Informationen zu speichern. Sind diese krankhaft, so können sie früher oder später die Funktion des Organismus stören oder seine Selbstheilung behindern.

 

Es handelt sich dann um ein aktiv gewordenes Störfeld. Mit Neuraltherapie besteht die Möglichkeit, diese Information zu löschen und die Beschwerden ursächlich zum Verschwinden zu bringen.

 

Den Hauptanteil der Erkrankungen, die mit Neuraltherapie erfolgreich behandelt werden, bilden die örtlichen Schmerzbilder im Bereiche des Bewegungsapparates sowie die Funktionsstörungen einzelner Organe oder ganzer Organsysteme. Auch bei akuten Erkrankungen (Entzündungen) sowie bei Verletzungen (Arbeits- und Sportverletzungen) leistet die Neuraltherapie wertvolle Hilfe. Es geht um das Aufdecken der Ursachen einer Störung, damit das Leiden an der Wurzel behandelt werden kann (Kausale Therapie, nicht Symptombekämpfung).

 

Die Neuraltherapie nach Huneke kann selbstverständlich mit jedem klinischen Verfahren kombiniert werden und stellt ein effektives, risikoarmes und preisgünstiges Untersuchungs- und Therapieverfahren dar.

 

Was ist Neuraltherapie nach Huneke?  

 

Sie ist eine unspezifische Regulationstherapie, in der ausschliesslich Lokalanästhetika wie Procain Und Lidocain ohne jegliche Zusätze in 0,5% bis 1% Lösung zur Anwendung kommen - dies sowohl zur Diagnose, zur Differentialdiagnose als auch zur Therapie.

 

Die Neuraltherapie ist zur Behandlung von Störungen und Erkrankungen geeignet, d.h. für das grosse Feld der Bagatellfälle, der chronischen, therapieresistenten funktionellen Krankheiten. Diese sind zwar weder lebensbedrohend noch aussergewöhnlich, machen immerhin aber statistisch um 90% der Erkrankungen aus. Durch ihren zähen Verlauf und ihre Intensität stellen sie für die betroffenen Patienten ernste Probleme dar.

 

Der Zweck der Neuraltherapie ist die Wiederherstellung gestörter Regulationen des Gesamtorganismus, einzelner Organe oder Systeme, ohne medikamentöse Risiken. Sie ist biologisch ausgerichtet und - bei Berücksichtigung aller Regeln der Kunst - weitgehend gefahrlos. Dabei ist darauf hinzuweisen, dass Neuraltherapie nach Huneke wie auch andere ausserklinische additive Verfahren - nicht immer voll wissenschaftlich abgeklärt sein mag; dafür ist sie praxisbezogen, wirksam und zweifellos eine ärztliche Kunst.

 

Wie wird Neuraltherapie durchgeführt?

 

Die Lokalanästhetika Procain und Lidocain kommen durch gezielte Injektionen zur Anwendung, wobei das Medikament nicht primär im pharmakologischen Sinn eine örtliche Betäubung erzielt, sondern vielmehr auf bioelektrischem Weg dem Vegetativum einen Impuls vermitteln soll, welcher die Selbstregulation über Regelkreise in Gang bringen kann. Folgende Injektionsarten stehen zur Verfügung:  

  • Injektionen an den Locus dolendi, d.h. lokale Behandlungen

  • Injektionen an das zugehörige Segment oder Segmenttherapie

  • Injektionen an ein vermutetes Störfeld oder Störfeldtherapie

  • Injektionen an Nervenganglien

  • Injektionen intravenös  

Die Neuraltherapie ist geeignet bei sämtlichen Erkrankungen, welche eine Regulationsstörung darstellen.

Eine Heilung kann grundsätzlich durch Regulation nur bei gestörten Organen erfolgen, nicht aber zerstörten Strukturen. Das heisst, eine Vielzahl der häufigsten Beschwerden, welche die Patienten in die ärztliche Praxis führen, können erfolgreich behandelt oder doch erheblich gebessert werden.

 

Neuraltherapie ist nicht geeignet bei Geisteskrankheiten, bei Erbkrankheiten, bei Mangelzuständen, bei fortgeschrittenen Infektionserkrankungen, bei narbig verheilten Endzuständen (zerstörte Strukturen), bei Parasitenbefall und bei Krebserkrankung.

Nicht zu vergessen ist der regulations-hemmende Einfluss der Geopathie (Standorterkrankung wegen Beeinflussung durch Wasseradern, Erdverwerfungen, elektro-magnetische Felder USW.). Auch bei diesen Kontraindikationen können mit Neuraltherapie parallelverlaufende Beschwerden erfolgreich behandelt werden.

 

Wo ist Neuraltherapie nach Huneke angezeigt?

  • Migräne, Kopfschmerzen, Neuralgien

  • entzündliche Augenerkrankungen, grüner Star

  • Mittelohrentzündungen (akut, chronisch, Menière-Schwindel)

  • Nebenhöhlenerkrankungen, Schnupfen

  • chronische Mandelentzündung, Schilddrüsenfunktionsstörungen

  • Asthma, Herzbeschwerden, Zustand nach Herzinfarkt, Erkrankungen der Atemwege / Lungen

  • Leber-Gallenleiden, Magen-Darmerkrankungen, Bauchspeicheldrüsenerkrankung, chronische Durchfälle und Verstopfungen

  • Unterleibserkrankungen der Frauen, Menstruationsbeschwerden, Prostataleiden, Nieren- und Harnwegserkrankungen, Reizblase

  • Wirbelsäulenbeschwerden, Arthrosen, Hexenschuss, Ischias, Gelenkbeschwerden

  • Durchblutungsstörungen im Kopfbereich und in Extremitäten

  • Narbenschmerzen, schlecht heilende Wunden, Thrombosen, Furunkel, Gürtelrosenneuralgien, Ulcera cruris

  • allgemeine Schmerzzustände nach Verletzungen, Operationen und Unfällen

Grundlagen zur Neuraltherapie

 

Der menschliche Organismus - wir wissen es alle - ist ein Wunderwerk aus vie-len Billionen Einzelzellen, welche ihrerseits wieder Organe und Organsysteme darstellen. Die sinnvolle Funktion wird aber erst durch das Vegetativum ermöglicht.

 

Was ist das Vegetativum?

 

Darunter versteht man heute nicht mehr nur das vegetative Nervensystem, nämlich Sympaticus und Parasympaticus, sondern das gesamte vegetative Grundsystem (Zelle-Millieu-System nach Pischinger/Heine). Dieses besteht aus weichem zelligem Bindegewebe.

Der zweite Bestandteil des Grundregulationssystems ist die extrazelluläre Gewebeflüssigkeit (ca. 1/5 des Körpergewichtes). Zur funktionellen Einheit gehören weiterhin das Kapillarsystem und das Nervenendgeflecht, welche beide frei in der extra-zellulären Flüssigkeit enden. Weder die Kapillaren noch die Fasern des Nervenendgeflechtes haben also direkten Kontakt mit dem einzelnen Organ. Jede Information, sei sie nun nervlich, biochemisch, pathologisch oder therapeutisch, geht über dieses weiche, zellige Bindegewebe von Zelle zu Organ, wobei sogenannte Neurotransmittersubstanzen benötigt werden. Diese wirken informativ auf die funktionelle Beschaffenheit des Grundsystems und ermöglichen erst die Stoffwechselvorgänge zwischen Kapillaren und Parenchymzellen. Eine solche Information kann nun durch irgendeine krankhafte Veränderung oder durch irgendeine Organerkrankung im umgebenden vegetativen System zurückgelassen, also gespeichert werden und über die vorher erwähnten Wege entfernt gelegene Erkrankungen und Beschwerden auslösen oder die Selbstheilung des Organismus ununterbrochen behindern. Dies sofort oder nach längerer Zeit. Es handelt sich also um ein Störfeld.

 

Was ist ein Störfeld?

 

Der Begriff «Herd» ist nicht neu. Von assyrischen, römischen und arabischen Schriften her wissen wir, dass das Störfeld (meist im Zahn-Kieferbereich) bereits damals für entfernt auftretende Leiden verantwortlich erkannt wurde. Im 17.-19. Jahrhundert wurde dies auch in Europa bekannt. Beim Störfeld handelt es sich also um örtlich begrenzte, krankmachende Reizzustände. Etwas ausführlicher können wir unter einem Störfeld bzw. Herd jede Stelle und jedes Organ verstehen, das krankhaft verändert ist- oder einmal war- und das die Fähigkeit angenommen hat, über die nächste Umgebung hinaus Erkrankungen hervorzurufen und weiter zu unterhalten. Wichtig ist dabei die Fähigkeit der krankmachenden Fernwirkung. Das Störfeld bzw. der Herd ist also eine im Vegetativum eingeprägte Information. Diese kann jahrelang symptomlos sein und plötzlich ohne erkennbare Ursache aktiv werden. Eine solche Information liegt im Bereiche eines chronisch veränderten Gewebsbezirks, der nicht abbaubares organisches (körpereigenes) und anorganisches (körperfremdes) Material umgibt. Solche Herde liegen eben im weichem Bindegewebe, also im Bereiche der Grundregulation. Dabei handelt es sich zunächst um einen latenten Herd, um einen Störfaktor, mit dem der Organismus zwar gerade noch fertig wird, der aber einen Teil seiner Abwehrleistung bindet und dazu Energie verbraucht. Zwischen der Entstehung eines Herdes, eines Störfeldes und der Auslösung einer Herd-Störfelderkrankung liegt ein zeitliches Intervall, das sogar viele Jahre betragen kann. Erst, wenn die Regulationsfähigkeit des Organismus nicht mehr ausreicht, um mit dem krankhaften Vorgang fertig zu werden, wird aus dem Herdträger ein Störfeldkranker.

 

Die diagnostische Erfassung eines aktiven Störfeldes kann durch Unterbrechung des krankmachenden Informationsflusses erreicht werden. Die Injektion eines Lokalanästhetikums an eine herdverdächtige Stelle koppelt diese vom vegetativen Grundsystem im Augenblick ab. Dadurch fallen die verursachten Fernbeschwerden schlagartig fort. Wenn sie zusätzlich mindestens 20 Stunden wegbleiben, und wenn bei Wiederauftreten der Beschwerden dieser Vorgang wiederholbar ist, dann sind die Voraussetzungen für das Huneke-Sekunden-Phänomen erfüllt. Dann ist die Ursache für das leiden gefunden und die Therapie kann erfolgsversprechend kausal ansetzen.  

 

Was kann zum Störfeld werden?

 

Über das vegetative Grundregulationssystem sind grundsätzlich alle Körperzellen indirekt miteinander verbunden. Jede Zelle des Körpers kann durch Erkrankungen, Verletzungen oder operative Eingriffe zum Störfeld werden und jedes solche Störfeld kann eine chronische Krankheit auslösen oder eine Ausheilung verhindern.

 

Häufige Störfelder

  • Zähne: tote, wurzelbehandelte, verlagerte Zähne, Wurzelreste, Fremdkörperein- schlüsse, Kieferknochenerkrankungen, Zahnfleischerkrankungen

  • Hals- und Rachenmandeln: Narben nach Mandeloperation

  • Nasen-Nasennebenhöhlen: besonders nach Spülungen und operativen Eingriffen

  • Ohren: nach häufigen Mittelohrentzündungen, Ohrläppchendurchstechung (= Narbe)

  • Leber-Gallenblase: nach Entzündungen und operativen Eingriffen

  • Magen-Darmkontrakt: (Entzündungen, Parasiten)

  • Gebärmutter, Eierstöcke: Gynäkologischer Raum nach Geburten, Operationen, Entzündungen

  • Harnwege - Blase:

  • Prostata:

  • Narben: jede Art von Defektheilung nach Unfällen, Verbrennung, Verbrühung, nach Operationen, nach Impfungen; Tätowierungen sind künstlich gesetzte Störfelder, der Nabel ist die erste Narbe.  

Ausblick

 

Den Schlussstein soll ein Zitat von Dr. med. Peter Dosch, Ehrenpräsident der Internationalen Medizinischen Gesellschaft für Neuraltherapie nach Huneke-Regulationstherapie und Lehrmeister der nachfolgenden neuraltherapeutischen Ärztegeneration setzen: «Die Grundlagen dieser Therapie sind in den letzten Jahren lückenloser geworden. Die klinische Medizin hat die Segmenttherapie übernommen, und die Therapie mit Lokalanästhetica breitet sich in der Welt immer weiter aus. Das Sekunden-Phänomen passt nicht in das alte Schema und erfordert ein Umdenken und Dazulernen. Das Huneke-Phänomen lebt trotz aller Widerstände nach über 60 Jahren noch. Wer es aus Resignation, Bequemlichkeit oder Gründen der eigenen Sicherheit ausklammert und die Techniken nicht lernt, verzichtet auf mögliche Heilerfolge. Das muss er vor seinem ärztlichen Gewissen verantworten.»  

 

Es ist so sicher wie das Amen in der Kirche, dass sich die Kybernetik im Computerzeitalter auch in der Medizin weiter durchsetzen wird. Sie hat unsere Vorstellungen von den Vorgängen im Lebendigen, mit der Lehre von den vermaschten Regelsystemen, der Informationsbildung, Informationsübermittlung und -verarbeitung wesentlich erweitert und damit auch das Verständnis für das Sekunden-Phänomen geebnet. Bald wird man auch die Bedeutung des Störfeldes als Quelle von Störimpulsen und pathogenen Fehlinformationen erkennen, die die Regulations- und Selbstheilungsmechanismen belasten. Sie zwingen den Organismus zu ständigen Energieverbrauchen und Kompensationen. Das System ist dann labil und neigt zu überschiessenden Gegenregulationen. Die Reizschwelle und Abwehrkraft sinken und die Fehlregulationen lassen Krankheiten in Erscheinung treten. Das Auslöschen des Störfeldes normalisiert die abnorme Regulationslage im Sekunden-Phänomen, was sich objektiv nachweisen lässt.